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Presentation to Norad, Oslo, Estimating Illicit Flows from Developing Countries

2007 in Review!

Cybercrime survey ended - results HERE!

 Updated estimates of ML in and through Australia

6-page Summary Report

100-page Main Report

Modeling Global Crime:

Illicit Drugs

Money Laundering

Justice System Resource Allocation:

Forecasting Trends in Crime

The Costs of Crime

Staffing the Police

Indigenous Over-representation in the Criminal Justice System

 

 

Kriminalität auf dem fünftem Kontinent

John Walker und Monika Henderson, Kriminologisten des AIC (Australisches Institut für Kriminalistik)

[Dieses Papier wurde 1991 geschrieben, und ist auf englisch an http://www.aic.gov.au/publications/tandi/tandi28.html vorhanden.] 

 

Kriminalität und Anstieg der Kriminalstatistiken in Australien sowie die Genauigkeit der Wiedergabe dieser Tendenzen in amtlichen Statistiken und den Medien sorgten in den letzten Jahren immer wieder für Schlagzeilen. Aufgrund der nur unzureichend vorhandenen Fakten kommt es häufig zu hitzigen Disputen zwischen den betroffenen Parteien, denn sowohl Politiker als auch Polizei, Kriminologen, Opfer und Journalisten, alle interpretieren das Vorhandene zu ihren Gunsten. Nur allzu oft erweckt es den Anschein, daß all diese Auseinandersetzungen einen ernsthaften Gedankenaustausch über das gemeinsame Ziel - die Entwicklung einer erfolgreichen Strategie zur Verbrechensverhütung und – bekämpfung - schon im Keim ersticken.

Im folgenden wird aufgezeigt wie ein Großteil der öffentlichen Besorgnis über die scheinbar steigende Kriminalität durch eine stark vereinfachte Auswertung der Kriminalstatistiken in den letzten 20 Jahre hervorgerufen wurde. Zudem fanden die grundlegenden Umwälzungen, die die australische Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten erfahren hat, beim Einbringen von Präventivund Bekämpfungsmaßnahmen nur unzureichend Berücksichtigung.

Gebraucht wird die Bereitschaft einer breiten, gut informierten Öffentlichkeit zur Entwicklung effektiver Präventivmaßnahmen, denn dies kann nicht allein Aufgabe der Strafjustiz sein. Hier ist sowohl ein aktives Mitwirken der Bevölkerung als auch die Unterstützung von Sachverständigen sowie Volkswirtschaftlern, Städteplanern und Pädagogen gefordert.

Paul Wilson, Stellvertretender Direktor des AIC

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Wieso steigt die Zahl begangener Straftaten unaufhörlich?

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Entwickelt sich in Australien ein kriminelles Potential, von dem bisher nur aus fernen Ländern berichtet wurde?

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Wie ist die Situation in den Griff zu bekommen?

Die am häufigsten gestellte Frage in der Kriminologie ist "Wieso steigt die Zahl begangener Straftaten unaufhörlich?" Betrachtet man, die Zahl der bekannt gewordenen Straftaten, so wird ein dramatischer Anstieg festgestellt. Von 1980/81 bis zum Jahr 1988/89 sind die der Polizei gemeldeten Straftaten um fast zwei Drittel von 845.923 auf 1,41 Mio gestiegen (Mukherjee & Dagger 1990).

Diese steigende Zahl publik gewordener Straftaten rief die unterschiedlichsten Reaktionen in der Bevölkerung hervor. Bei vielen Bürgern war eine zunehmende Besorgnis um die eigene Sicherheit festzustellen. Eine im Jahr 1985 in Adelaide durchgeführte Umfrage ergab, daß sich 35 Prozent der Einwohner dieser Stadt bei abendlichen Spaziergängen im Dunkeln nicht sicher fühlten (Statistisches Landesamt Australien). Nur drei Jahre später ergab eine ähnlich gestellte Frage, daß sich mittlerweile 42 Prozent der Bevölkerung nach Einbruch der Dunkelheit in den Straßen dieser Stadt ängstigten (Frank Small & Associates Pty Ltd 1988). Bei vielen Bürgern wurde daraufhin ein verstärktes Sicherheitsbewußtsein verzeichnet. Die Anzahl der Frauen in Selbstverteidigungskursen hat seitdem ständig zugenommen und noch immer schießen Firmen für den Vertrieb und die Installation von Alarmanlagen wie Pilze aus dem Boden. Andere Maßnahmen wie die zunehmende Verbreitung von Waffen in einigen Staaten (angeblich zum Eigenschutz) sind heftig umstritten, da ihr Einsatz in der Gewaltund Verbrechensbekämpfung zweifelhaft ist.

Interessengemeinschaften versuchen die Regierungen von der Notwendigkeit härterer Maßnahmen gegen Straftäter zu überzeugen. Im Zeitraum von 1973/74 bis 1987/88 hat die Kapazität der Schutzpolizei in australischen Polizeidienststellen um 59 Prozent zugenommen (Mukherjee & Dagger 1990). Dies setzt sich auch in den 90er Jahren weiter fort wie die Zusage der Landesregierung von New South Wales zur Einstellung weiterer 160 Polizisten zeigt (Polizei New South Wales 1989/90). Des weiteren haben die Landesregierungen in den letzten Jahren auf Rufe nach umfassenderen polizeilichen Zwangsmaßnahmen reagiert. Neu eingebrachte Gesetze schrieben eine obligatorische Blutprobe und die Abnahme von Fingerabdrücken vor (nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt) und ermächtigten die Polizei, Menschenansammlungen aufzulösen, falls Anlaß zur Annahme einer strafbaren Handlung besteht (siehe auch die jüngst verabschiedeten ACT[1]-Gesetze). Der steigende Druck auf die Regierungen, strengere Maßstäbe bei Verurteilungen anzulegen, hat in einigen Staaten bereits zur Verhängung längerer Freiheitsstrafen geführt. Dies soll Kriminelle abschrecken, neue Straftaten zu begehen (so wurden z.B. 1985 in Queensland die Höchststrafen heraufgesetzt und in New South Wales wurden strengere Maßstäbe bei vorzeitigen Entlassungen aus der Strafhaft angelegt). Trotz ernsthafter Bemühungen für eine Vielzahl kleinerer Delikte geeignete Alternativen zum Freiheitsentzug zu schaffen, wurde viel Geld in den Bau moderner Gefängnisse investiert, um die steigende Zahl Strafgefangener unterbringen zu können. Die beängstigenden Entwicklungen der Kriminalstatistiken scheinen diese von Regierungen und Bürgern ergriffenen Maßnahmen zu rechtfertigen.

Wissenschaftliche Untersuchungen, die sowohl in Australien als auch in Übersee durchgeführt wurden, betrachten die steigende Kriminalität jedoch auch als Folge des schnellen Bevölkerungswachstums und einer gesellschaftlichen Neustrukturierung.  Würden sowohl die Regierungen als auch die Medien und die Öffentlichkeit diese Veränderungen richtig interpretieren, bestände keine Notwendigkeit zur Einleitung weiterer drastischer Maßnahmen. Andererseits wird aus diesen Untersuchungen der Schluß gezogen, daß der Mythus der ständig steigenden Kriminalität durch immer größer werdende Anforderungen an Polizei, Gerichte und Gefängnisse auf Kosten anderer Lösungen weiterhin bestehen bleibt.

Abbildung 1: Verhängte Freiheitsstrafen/Verwarnungen für nicht im Straßenverkehr begangene Delikte

Alter der Straftäter: 12, 15, 18, 21 und 24 Jahre (pro 100.000 pro Jahr)

Anzahl der Freiheitsstrafen/Verwarnungen -

 

 Jeweilige Altersgruppen:

15 Yahre - Einbruchsdiebstahl, Diebstahl

18 Yahre - Sachbeschädigung, Körperverletzungsdelikte, Störung/Geflihrdung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung

21 Yahre - Betrug, Rauschgiftvergehen

Quelle: J. Walker-Statistiken 1985.

Drei wesentliche Aspekte

Demographie

Die Srafvollstreckungsbehörden überrascht es nicht mehr, daß die meisten Straftaten außerhalb des Straßenverkehrs von Jugendlichen begangen werden. Vielleicht versetzt das relativ junge Alter dieser jugendlichen Straftäter aber die Öffentlichkeit in Erstaunen. Abbildung 1 zeigt, daß die meisten Eigentumsdelikte in Australien von der Altersgruppe der 15jährigen begangen werden. Im Alter von 18 Jahren stehen Körperverletzungsdelikte an erster Stelle. Nach dem 21. Lebensjahr beginnen selbst die Zahlen für Verkehrsdelikte zu fallen, die anderen Straftaten zahlenmäßig um Längen vorauseilen. Dies gilt allerdings nicht nur für Australien. Ähnliche Untersuchungen in England und Wales bestätigen dies. Bei den Verurteilungen/Verwarnungen im Jahr 1986 ergab sich folgende Verteilung hinsichtlich Altersgruppen und am häufigsten begangener Straftaten: Diebstahl 15 Jahre, Einbruchsdiebstahl 15 Jahre, Sachbeschädigung 18 Jahre, Körperverletzungsdelikte 18 Jahre, Betrug und Urkundenfälschung 20 Jahre und Drogendelikte 20 Jahre (Barclay 1990). Ähnliche Verhaltensweisen wurden bereits zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen festgestellt (Hirschi & Gottfredson 1983).

Analysiert man die Daten der australischen Gesamtbevölkerung, ergibt sich für das Jahr 1971 eine Zahl von 465.153 Personen im Alter von 15 und 16 Jahren. Diese Zahl erreichte 1987 einen Spitzenwert von 579.854, ein Zuwachs von 25 Prozent. Im Jahr 1989 fiel die Zahl auf 544.021 und die Anzahl der Jugendlichen dieser Altersgruppe wird weiter fallen. Dies ist eine direkte Folge der geburtenstarken Jahrgänge nach dem zweiten Weltkrieg sowie der Einwanderungswelle in den späten 40er und frühen 50er Jahren dieses Jahrhunderts. Betrachtet man die Entwicklung der australischen Bevölkerung im Verhältnis zur Kriminalität, so gelangt man zu einem aufschlußreichen Ergebnis. Bis 1986/87 ließ sich beispielsweise eine drastische Zunahme angezeigter Diebstahlsdelikte feststellen. Anschließend blieben die Zahlen für ein Jahr konstant und beginnen nun zu fallen. Ähnliches läßt sich bei Einbruchsdiebstählen feststellen. Die der Polizei gemeldeten Delikte nahmen bis 1984/85 ständig zu (Einführung einer verstärkten Zusammenarbeit von Polizei und Bürgern in Interessengemeinschaften in Victoria und New South Wales). Nachdem die Zahlen dann zwei Jahre rückläufig waren, ließ sich anschließend wieder ein landesweiter leichter Anstieg feststellen. In Victoria waren die Zahlen allerdings auch in den letzten beiden Jahren rückläufig. Man kann davon ausgehen, daß die Einführung der Interessengemeinschaften gewisse Erwartungen in der Bevölkerung geweckt hat und sich dies auf die Zahl der Anzeigen auswirkte. Das scheint sich durch die prozentual gestiegene Zahl der gemeldeten Einbruchsdiebstähle von ca. 70 Prozent im Jahr 1983 (Statistisches Landesamt Australien 1985) auf fast 80 Prozent im Jahr 1988 (van Dijk et al. 1990) zu bestätigen. wird diese Sinneswandlung der Bevölkerung hinsichtlich der Anzeigebereitschaft von Straftaten berücksichtigt, zeigt sich, daß die Zahlen sowohl für den einfachen Diebstahl als auch für den Einbruchsdiebstahl größtenteils vom prozentualen Anteil der 15- bis 16jährigen an der Gesamtbevölkerung bestimmt werden.

Mit zunehmenden Alter setzen nur wenige der Jugendlichen ihre "kriminelle Karriere" fort. Dann - werden jedoch überwiegend andersartig gelagerte Straftaten begangen (siehe Abb. 1). Zwangsläufiges Resultat: die große Zahl verhängter Freiheitsstrafen und Verwarnungen für Delikte wie Sachbeschädigungen und Körperverletzungen solange sich die Straftäter noch im heranwachsenden Alter befinden. Demnach beschränken die Jugendlichen ihre Aktivitäten anfangs auf Einbruchs- und andere Diebstähle (z.B. Ladendiebstähle). Schwerwiegendere Vergehen, die auch Gewaltätigkeit mit sich bringen, erreichen einige Jahre später ihren Höhepunkt, wenn die Jugendlichen erste Erfahrungen im Umgang mit Alkohol, Kraftfahrzeugen und im sexuellen Bereich sammeln. Im Prozeß des Erwachsenwerdens verlagert sich der Schwerpunkt begangener Straftaten auf Verkehrs- bzw. Wirtschaftsdelikte. Sobald die Heranwachsenden das Teenageralter hinter sich lassen, legen die meisten auch ihre Kriminalität ab. Besonders Straftaten. wie Einbruchsdiebstähle und Delikte unter Anwendung von Gewalt sind dann wie auch die Tendenzen der Kriminalstatistiken rückläufig.

Es ist also nicht weiter überraschend, daß- die demographischen Tendenzen in den jährlichen Kriminalstatistiken abzulesen sind. Das größere kriminelle Potential in bestimmten Gebieten wie dem Northern Territory oder den vielen Randbezirken der Landeshauptstädte läßt sich mit dem großen Bevölkerungsanteil der Jugendlichen erklären. So hängt u.a. auch die hohe Kriminalität in der Aboriginal-Bevölkerung[2] mit dem großen Anteil von Jugendlichen zusammen. Auch in anderen Bereichen sind die Folgen des Babybooms unübersehbar. So erfuhr beispielsweise das Baugewerbe mit der Gründung vieler Familien einen Aufschwung und befand sich schon kurze Zeit später wieder in einer Konjunkturflaute. Zum anderen ist uns der Ansturm auf die Grundschulen zu Beginn der 70er Jahre noch wohl in Erinnerung. Mit zunehmenden Alter der Kinder verlagerte er sich anschließend auf die weiterführenden Schulen. Heute sind die meisten Grundschulen nicht mehr ausgelastet während die weiterführenden Schulen anscheinend gerade ihre maximale Belastung erreicht bzw. überschritten haben. Zur Zeit haben besonders die Universitäten und die arbeitslose Bevölkerung unter den Folgen zu leiden.

Gelegenheit macht Diebe - eine gleichgültige Gesellschaft

Demographische Veränderungen werden durch soziale Faktoren verstärkt und bieten letztendlich mehr Raum zum Begehen strafbarer Handlungen. Während der letzten beiden , Jahrzehnte ist es beispielsweise schon fast zur Regel geworden, daß beide Elternteile arbeiten: die Zahl der berufstätigen Frauen stieg von 36 Prozent in den 60er und 70er Jahren auf 52 Prozent in den 90er Jahren (Ministerium für Arbeit und Bildung).

Gleichzeitig achtete man beim Städtebau in den 70er Jahren verstärkt auf die sorgfältige Trennung von Wohn- und Industriegebieten sowie Geschäftszentren. Ergebnis dieser beiden Entwicklungen im sozialen Bereich sind die tagsüber völlig verwaisten Vororte, die geradezu einladend auf Einbrecher wirken.

Ein weiterer Punkt sind die Stundenpläne der schulpflichtigen Kinder, die immer noch so gestaltet sind, als wenn alle MÜtter Hausfrauen wären. Die Folge ist, daß viele schulpflichtige Kinder sich allmorgendlich bis zum Schulbeginn selbst überlassen bleiben. Das eröffnet den Jugendlichen vielfältige Möglichkeiten wie das jüngste Beispiel aus dem ACT belegt. Angeblich sind dort zwei Jugendliche in ein tagsüber unbeaufsichtigtes'Haus eingebrochen und haben es anschließend in Brand gesetzt. Der Gesamtschaden belief sich auf A$130.000. Zum anderen bedeutet die bei der anfänglichen Flucht aus den Innenstädten in die Vororte als so angenehm empfundene strikte Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung, daß der Weg zum Arbeitsplatz jeden Morgen mit dem Auto zurückgelegt wird und das Auto samt Inhalt anschließend den ganzen Tag unbeaufsichtigt auf einem öffentlichen Parkplatz steht. Dies verschafft dann den Autodieben vielfältige EinsatzmÖglichkeiten. Weitere Möglickeiten zu Straftaten bieten sich nach Feierabend, wenn die Bevölkerung wieder zu Hause ist und Gewerbegebiete und Innenstädte völlig verwaist sind, da es weder Geschäftsleuten noch Verwaltern gestattet ist, auf wirtschaftlich genutzten Flächen zu wohnen.

Des weiteren hat sich der Charakter der Einkaufsszentren in den letzten zwei Jahrzehnten gundlegend verändert..Vor 20 Jahren wurden die meisten Einkäufe noch in kleinen, vom Inhaber persönlich geführten Läden erledigt, und seine Adleraugen wachten ständig über die sorgfältig in den Regalen aufgestapelten Waren. Heutzutage werden die meisten Einkäufe in riesigen Supermärkten mit vergleichsweise wenig Schutzvorrichtungen getätigt, so daß die Zunahme von Ladendiebstählen nicht verwunderlich ist. Und durch die Herstellung immer kleinerer und handlicherer Elektrogeräte trägt selbst die Computertechnologie ihren Teil zu diesem Problem bei.

Weitere negative Tendenzen sind auf dem Jugendarbeitsmarkt zu verzeichnen. Im Jahr 1975 hatten die Commonwealth-Regierungen die Tarifsätze für jugendliche Arbeitnehmer mit in das Gesetz aufgenommen. Dies sollte die Diskriminierung von Jugendlichen bezüglich ihrer Bezahlung beenden. Folglich stiegen die Löhne der jugendlichen Arbeitnehmer an. Dies veranlaßte viele Arbeitgeber, sich für ältere Bewerber mit Berufserfahrung zu entscheiden. Trotz Versuche der Regierung, die Gesamtarbeitslosigkeit in Australien herabzusetzen, lag der prozentuale Anteil arbeitsloser Jugendlicher im Jahr 1990 deutlich höher als 1975. Besonders stark betroffen sind gerade die Altersgruppen, die am ehesten zu Straftaten neigen - sei es aus Langeweile oder aus dem Gefühl der Nutzlosigkeit heraus. Die Arbeitslosigkeit unter den 15- bis 19 jährigen stieg von 1975 bis 1990 um 3,6 Prozent. Das sind trotz einer wachsenden Anzahl junger Leute, die ihren Eintritt ins Berufsleben durch einen längeren Schulbesuch hinauszögern, 50 Prozent mehr als der Anstieg der Arbeitslosigkeit auf die Gesamtbevölkerung gesehen (Ministerium für Arbeit und Bildung).

Zudem verlangen neuerdings immer mehr pädagogische und Freizeiteinrichtungen wie Stadtbibliotheken und Schwimmbäder, die unlängst noch ungeltlich oder gegen eine geringe Gebühr genutzt werden konnten, kostendeckende Nutzungsgebühren. Dies macht solche Einrichtungen für Eltern, die durch ihre heranwachsenden Teenager ohnehin schon mit hohen Ausgaben belastet sind, weitaus weniger interessant.

Die in den letzten beiden Jahrzehnten geschaffene breite Palette von Arbeitsmöglichkeiten für Straftäter zog also deutlich negative Auswirkungen auf Jugendarbeitsmarkt sowie Freizeiteinrichtungen nach sich.

Reaktionen der Bevölkerung, Medien und Regierung auf vorliegende Kriminalstatistiken

Bestimmte Vorstellungen von Kriminalität bei Bevölkerung, Medien und Regierungen wirken sich belastend auf vorliegende Kriminalstatistiken aus. Die Dramatisierung von Gewaltverbrechen in den Medien und die besondere Aufmerksamkeit, die den Gewaltverbrechen zukommt, verleitet die Bevölkerung zu der Annahme, daß Gewaltverbrechen zunehmend außer Kontrolle geraten. Dies erhöht die Sensibilität hinsichtlich Gewalt, so daß die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige selbst bei Bagatelldelikten steigt (beispielsweise eine Rangelei in einer Kneipe, der früher keine Bedeutung beigemessen worden wäre). Diese Einstellung der Bevölkerung erhöht auch die Bereitschaft der Polizei, Grenzfälle eher als schwerwiegendes Vergehen einzustufen und selbst kleinere Vergehen zur Anklage zu bringen statt es bei einer Verwarnung zu belassen. Dieser Kreislauf führt dazu, daß die tatsächlichen Tendenzen der Verbrechensstatistiken durch Reaktionen der Bevölkerung und Polizei verzerrt werden.

In einigen Fällen ist die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung erheblich gestiegen. Hierzu gehören Sexualverbrechen und Gewalttätigkeiten im familiären Bereich, so daß folglich auch die Zahl der gemeldeten Straftaten steigt. Heute wird das Verprügeln der Ehefrau nach einem verlorenen Fußballspiel nicht mehr akzeptiert und so werden jetzt mehr Straftaten dieser Art angezeigt als in der Vergangenheit. Dies wiederum erweckt den Anschein, daß solche Delikte heute häufiger verübt werden.

Ähnliche Auswirkungen zeigen auch die Reaktionen der Gerichte und Regierungen auf bestimmte Straftaten. Beispielsweise werden im Hinblick auf die Besorgnis in der Bevölkerung hinsichtlich steigender Zahlen des sexuellen Mißbrauchs von Kindern härtere Strafen in diesen Fällen verhängt. Das soll sowohl der Abschreckung potentieller Täter dienen als auch die Abscheulichkeit solcher Straftaten in den Augen der Bevölkerung zeigen. Bedingt durch diese langjährigen Freiheitsstrafen sitzen täglich mehr Straftäter für solche Delikte ein. Eine Untersuchung Über die Entwicklung in den Gefängnissen wies eine steigende Zahl von Gefangenen aufgrund derartig gelagerter Straftaten auf. Dies wird dann fälschlicherweise als sich ausbreitende Kriminalität interpretiert. Die Bevölkerung ruft erneut nach härteren Maßnahmen, die Gerichte verhängen daraufhin wiederum längere Freiheitsstrafen, usw.

Abbildung 2: Das Bausteinkasten-Prinzip

Prozentualer Bevölkerungsanteil der 13- bis 25jährigen:

1980-85 steigend

Anstieg der Kleinkriminalität, besonders Eigentumsdelikt

Erhöhtes Kriminalitätsbewußtsein der Medien, Öffentlichkeit, Polizei und Justiz

Polizei, unterstützt von der Öffentlichkeit, beklagt mangelnde

Mittel

Verbesserte Ermittlungsmethoden lassen Kriminalstatistiken

ansteigen

Ein Mehr bekannt gewordener Straftaten bedeutet gleichzeitig ein

scheinbares Mehr an Opfern

Stärker werdende Forderungen nach Abschreckung führen zu härteren Strafen

Unerfahrene jugendliche Straftäter werden häufiger zu Gefängnisstrafen verurteilt - erster Kontakt zu den schweren Jungs

1985-90 höchstand

Härtere Strafen bedeuten mehr und längere Haftstrafen - Anzahl der Gefangenen steigt

Ältere Jugendliche mit ersten strafrechtlichen Erfahrungen begehen weitere Straftaten unter Anwendung von Gewalt, die von größerer krimelle

Energie zeugen

Die öffentliche Erregung steigt - bessere Ergebnisse werden gefordert

Zahl der verhandelten und abgeurteilten schweren Vergehen steigt. Öffentlichkeit beharrt auf Abschreckung

Polizei fordert weitere Mittel und mehr Machtbefugnis

Können die Täter gefaßt werden? Im Erfolgsfall ist mit einem mehr als Freiheitsstrafen zu rechnen

Überfüllte Haftanstalten drängen auf geeignete Alternativen

Tendenz zu gemeinnütziger Arbeit als Strafmaßnahme

Proteste der Häftlinge gegen Haftbedingungen? Vorzeitige

Haftentlassungen?

Planung weiterer Vollzugsanstalten

Für den Fall des Baus wird ein Umschwung in der Verhängung von Freiheitsstrafen zu anderen Strafmaßnahmen erwartet

1990-95 fallend

Masse der 13- bis 25jährigen rutscht in die Altersgruppe der 18- bis 30jährigen

Rückläufige Zahlen bei Eigentumsdelikten und in der Gesamtkriminalität. Zahl der Gewaltverbrechen und verhängte Freiheitsstrafen erreichen neuen Höchststand

Aufbruch der Medien zum Feldzug gegen Gewaltverbrechen. Polizei sonnt sich im erzielten Erfolg bei Eigentumsdelikten

Zahl verhängter Freiheitsstrafen steigt weiterhin

Anteil der Häftlinge mit langfristigen Freiheitsstrafen aufgrund vor Gewaltverbrechen wird größer

1995-2000 Tiefststand

Masse der 13- bis 25jährigen rutscht in die Altersgruppe der 23- bis 35jährigen

Gesamtkriminalität erreicht Tiefpunkt. Zahl verhängter Freiheitsstrafen ist rückläufig

Sowohl Polizei als auch Politiker, Kriminologen und Medien sonnen sich in diesem Ruhm

Zusammenfügen der einzelnen Bausteine

Phase 1: Strafmündigkeit - Welle der Eigentumsdelikte

Abbildung 2 zeigt die demographischen und sozialen Veränderungen und einige der "zwangsläufig" daraus resultierenden Reakionen der Bevölkerung. Als beispielsweise zwischen 1980 und 1985 die geburtenstarken Jahrgänge das Alter der Strafmündigkeit erreichten, stieg die Zahl der Eigentumsdelikte wie Laden- und Einbruchsdiebstähle sprunghaft an. Die Reaktionen der Öffentlichkeit, bestärkt durch die üblichen Hiobsbotschaften der Medien, lösten große Besorgnis sowie das Gefühl aus, dem entgegenwirken zu müssen. Polizeipressesprecher reagierten auf diese Welle der Besorgnis, in dem sie ganz richtig kundtaten, daß sie so gut wie machtlos seien. (Straftaten in tagsüber verwaisten Wohngebieten oder großen Supermärkten ohne Alarmanlagen können aufgrund mangelnder Beweise nur selten aufgeklärt werden.)

Trotz knapp bemessener Etats der Regierungen erzielte der Druck der Öffentlichkeit die gewünschte Wirkung. In allen Gerichtsbezirken wurden Gelder für ein verstärktes Polizeiaufgebot zur Verfügung gestellt. Außerdem wurden Vorgehensweise der Polzei sowie die Strafgesetze neu überdacht, um sowohl Ergreifung als auch Abschreckung von Straftätern zu verbessern. In diese Zeit fiel auch die Gründung der Interessengemeinschaften von Polizei und BÜrgern in Australien, die bei der Bekämpfung von Eigentumsdelikten helfen sollten. Art und Umfang der zusätzlich zur Verfügung gestellten Mittel sowie Änderungen der Strafgesetze hingen von der jeweiligen politischen Richtung der Landesregierungen in den einzelnen Gerichtsbezirken ab. Ein Mehr an Polizei und das Einbeziehen der Öffentlichkeit fÜhrt zwangsläufig zu einem wachsenden Vertrauen in die Polizei und das bestärkte wiederum die BÜrger in ihrem Glauben, die Anzeige von Straftaten sei lohnenswert, denn die Polizei würde die erforderlichen Schritte einleiten (Statistisches Landesamt Australien 1985).

Die Kriminalstatistiken werden erneut in die Höhe schnellen und der durch den ursprünglichen Anstieg der Kriminalität erzeugte Kreislauf von Ursache und Wirkung abermals verstärkt. Kettenreaktionen dieser Art nennt man im Fachjargon auch selbstverstärkende Regelungskreisläufe. Sie sind in der heutigen Gesellschaft nichts Ungewöhnliches (Forrester 1969), werden aber meistens falsch interpretiert.

Phase 2: Heranwachsende Teenager - Welle der Gewalt

Einige Jahre später erreichen die ersten dieser Jugendlichen das Heranwachsendenalter und plötzlich wird von ihnen erwartet, daß sie sich wie Erwachsende benehmen. Hierzu gehört sowohl die Erlaubnis, einen Führerschein zu machen, alkoholische Getränke in Kneipen und Discotheken trinken zu dürfen und von den Eltern unabhängig zu werden als auch die Partner- und Freundeswahl. Natürlich sind nicht alle Jugendlichen gleich gut auf diese Schritte vorbereitet. Viele finden keinen zufriedenstellenden Arbeitsplatz - besonders in Zeiten großer Arbeitslosigkeit. Andere sind sich über das Ausmaß

der Selbstbeherrschung, die einem beim verantwortungsbewußten Umgang mit Kraftfahrzeugen, Alkohol und Drogen abverlangt wird, nicht im Klaren. Das größte Problem ist allerdings, daß die meisten bei der respektvollen Behandlung ihrer Mitmenschen versagen und dies zu Gewalttätigkeiten führt. Nach herrschender Rechtsprechung werden diese Täter nicht als jugendliche Sozialfälle sondern als Schwerverbrecher behandelt, was in einem weiteren Kreislauf wiederum die Kriminalstatistiken sprunghaft ansteigen läßt und zur Überlastung von Gerichten und Gefängnissen führt.

Die von Heranwachsenden begangenen Straftaten stehen meistens im Zusammenhang mit Alkoholkonsum und werden als gewalttätig eingestuft, obwohl sich die typische Gewalt gegen Jugendliche gleichen Alters oder den Arm des Gesetzes, in der Regel die Polizei richtet, die zur Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich ist. So sind beispielsweise die Zahlen der angezeigten Körperverletzungsdelikte, zumindest in den beiden größten Gerichtsbezirken, im Laufe der letzten Jahre drastisch gestiegen. Eine Untersuchung von Polizeistatistiken ergab, daß vor allem die Gewalttätigkeit in und vor Discotheken und Kneipen einen wesentlichen Beitrag zu diesen Zahlen leistet (Ministerium für Polizei und Notdienste und Polizei 'Victoria 1989; Statistisches Landesamt New South Wales 1988). Zusätzlich- verschärft wird die Situation durch zahlenmäßig begrenzte und überfüllte Einrichtungen sowie die Ohnmacht der Verantwortlichen, mit den daraus resultierenden Problem umzugehen.

Der Anstieg der polizeilich gemeldeten Gewalttätigkeiten wird zunehmend von Jugendlichen in den Straßen und in der Umgebung bevorzugter Treffpunkte bestimmt. Dies typisch städtische Merkmal beziehen die Bürger dann wiederum auf die Sicherheit der Wohngebiete (Skogan & Maxfield 1981; van Dijk et al. 1990). Die Angst vor Gewaltverbrechen, unerheblich ob gerechtfertigt oder nicht, entwickelte sich deshalb zur wirksamsten Waffe von Interessengemeinschaften und der Druck auf Regierungen bezüglich des Einsatzes größerer Polizeikräfte zur Bekämpfung von Gewaltverbrechen und härterer Bestrafung von Schuldigen wurde in den vergangenen Jahren immer stärker. Die Politiker setzen sich natürlich für sofort greifende Maßnahmen ein, um anschließend die Früchte des Erfolges ernten zu können. Das läßt sich mit der zwangsläufigen "Recht und Ordnung"- Reaktion relativ schnell und einfach durchsetzen. Wozu also mit einem langwierigen Prozeß des Aufbaus konstruktiver Vorbeugungsmaßnahmen Zeit verlieren?

Phasen 3 und 4: Rückläufige Zahlen

Ein Großteil der Abbildung zu Beginn der 90er Jahre scheint uns vertraut. Für den verbleibenden Teil trifft dies jedoch nicht zu, da wir uns heute erst im Anfangsstadium der Phase 3 befinden. Der überwiegende Anteil der geburtenstarken Jahrgänge hat jetzt ein Alter um die 20 Jahre erreicht. Es wird ein festes Beschäftigungsverhältnis, die Gründung einer Familie und ein eigenes Heim angestrebt. Das Alter der Diebstähle und Einbruchsdiebstähle haben sie längst hinter sich gelassen und die Statistiken für diese Delikte sind rückläufig. Kurze Zeit später läßt dann auch die Gewalttätigkeit nach (Viktorias veröffentlichte Kriminalstatistiken wiesen für das Jahr 1989/90 zum ersten Mal seit 15 Jahren rückläufige Zahlen für Diebstahlsdelikte und auch Gewaltverbrechen auf). Zweifelsohne sind diese "Erfolge" Präventivmaßnahmen und Rechtsprechung zu verdanken, aber die Folgen einiger in Phase 2 getroffener Entscheidungen hinsichtlich der Bestrafungsmaßnahmen werden uns weiterhin verfolgen. Die Zahl der Inhaftierten wird nicht zurückgehen, da die Täter langjährige Freiheitsstrafen absitzen müssen und vielleicht bereut der Steuerzahler nun seinen einstigen Enthusiasmus hinsichtlich dieser langen und kostspieligen Strafen. Die 1988 amtierende ThatcherRegierung sah es wie folgt: "Bis zum Bersten gefüllte Gefängnisse werden den Straftätern kaum eine gute Schule hinsichtlich staatsbürgerlicher Rechte und Pflichten sein." So gibt es auch eine Reihe von Anzeichen dafür, daß Inhaftierungen in den meisten Fällen genau entgegen der in sie gesetzten Erwartungen wirken und die der Realität entfremdeten Straftäter begeben sich nach ihrer Entlassung häufig in das kriminelle Milieu zurück und werden erneut straffällig.

In den Kriminalstatistiken hingegen werden die sich vollziehenden Veränderungen anders aussehen. obwohl die Gesamtkriminalität rückläufig ist, werden Gewalttätigkeiten im familiären Bereich aufgrund steigender Zahlen von Eheschließungen zunehmen und auch die Zahlen der Eigentumsdelikte werden zurückgehen, obwohl sich Wirtschaftskriminalität und Kreditkartenbetrug ausbreitet während sich die geburtenstarken Jahrgänge ihren Weg durch die Arbeitswelt bahnen. Zudem sollte nicht außer Acht gelassen werden, daß diese Generation bereits erste Erfahrungen mit Computern gesammelt hat und Wirtschaftsstraftaten deshalb häufig mit deren Hilfe begangen werden. Es ist nicht absehbar wie technologische und damit in Beziehung stehende soziale Veränderungen die Entwicklungen in der Kriminalität bestimmen werden, aber gerade in diesen Bereichen sind Veränderungen am wahrscheinlichsten.

In Phase 4 wird der größte Anteil der australischen Bevölkerung von der Generation der über 30jährigen und den unter 12jährigen gestellt - die zwei Altersgruppen mit der geringsten kriminellen Energie. Uns steht eine goldene, aber nur kurz währende Ära geringer Kriminalität bevor, die beginnend um das Jahr 2000 einen weiteren demographisch bedingten Zyklus von steigender Kriminalität und Gegenreaktionen nach sich zieht.

Alternative Maßnahmen zur Vergrechensbekämpfung

Es erweist sich häufig als schwierig,bestimmte Präventivmaßnahmen als erfolgreich und andere als nicht erfolgreich einzustufen. Zum Teil liegt die Schwierigkeit in der Komplexität der Situation.  So ist beispielsweise die Annahmne falsch, daß eine verstärkte Zusammenarbeit von Polizei und Bürgern nur dann erfolgreich ist, wenn die Zahl der angezeigten Delikte zurückgeht. Andererseits sind rückläufige Statistiken nicht unbedingt ein Zeichen des Erfolges - vielleicht hat sich das Problem nur verlagert. Einige erfolgreiche Maßnahmen lassen die Statistiken durch sich häufende Anzeigen und bessere Ermittlungsmethoden bei bestimmten Delikten sogar ansteigen. Dazu gehören u.a. Trunkenheit am Steuer, Gewalttätigkeiten im familiären Bereich und sexueller Mißbrauch.

In der heutigen, Überwiegend motorisierten Gesellschaft können Maßnahmen hinsichtlich einzelner Vorfälle und die Verhängung harter Strafen gegen gefaßte Täter zwar kostspielig aber trotzdem erfolglos sein. Viele Alternativen schwören auf das Prinzip „Vorsorgen ist besser als Heilen“ und so wenden sich einige australische Polizeieinheiten bereits „problemorientierten Verfahrensweisenft“ zu. Diese beschäftigen sich mit einer systematischen Analyse begangener Straftaten, und der Entwicklung erforderlicher polizeilicher Maßnahmen, die diese untersuchten Fälle nach sich ziehen.

Die Annahme, daß Polizei, Gerichte und Gefängnisse die gesamte Bürde von Präventiv- und Bekämpfungsmaßnahmen alleine tragen könnten und sollten, ist jedoch völlig abwegig. Der vorliegende Artikel macht aber deutlich, daß die heutige Gesellschaft lieber Strafjustiz und Versicherungen finanziert, um ihr Eigentum zu schützen während unsere Vorfahren ihre Besitztümer noch selbst hüteten. Alternativmaßnahmen könnten vielleicht eine Umkehr dieser Tendenz bewirken, indem die Planung und/oder Besiedelung von Wohnund Industriegebieten neu durchdacht wird oder Arbeitsverträge so gestaltet werden, daß sie eine Heimarbeit ermöglichen.

Bisher lag der Schwerpunkt in der Verbrechensbekämpfung bei der Prävention situationsbedingter Straftaten.  Hierzu gehört u.a. die verbesserte Sicherung von Eigentum. (Das AIC hat eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, die sich mit den unterschiedlichen Präventivmaßnahmen beschäftigen).  Weitaus weniger Aufmerksamkeit wurde bisher der Frage geschenkt, wie man Individuen vom Begehen strafbarer Handlungen abhält, denn diese individuellen Abschreckungsmaßnahmen könnten für die zukünftige Verbrechensbekämpfung zunehmend an Bedeutung gewinnen (siehe Abb. 3). Anhand der Daten in Abb. 1 läßt sich erkennen, wie viele Straftaten verhindert werden könnten, wenn man schon Kinder durch eine entsprechende Erziehung vor dem Begehen von Straftaten schützen könnte. Aufgrund unseres modernen Lebensstils verbringen wir heutzutage weitaus weniger zeit mit unseren aufwachsenden Kindern als dies in früheren Generationen üblich war.  Untersuchungen Über die Rückfälligkeit (und praktische Erfahrungen vieler Strafrechtler) zeigen, daß das Alter der ersten strafrechtlichen Auffälligkeit ein entscheidender Faktor für das spätere Ausmaß einer kriminellen Karriere ist (Barnett et al. 1987; Hirschi & Gottfredson 1983). Einige Länder, besonders in Europa, halten Steuervergünstigungen und andere Anreize für Familien parat, um die Eltern zu ermutigen, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Vielleicht ist dies ein erster Ansatz zur effektiven Herabsetzung der Kriminalität.

In diesem Zusammenhang dürfte der Hinweis interessant sein, daß in den letzten Jahrzehnten immer mehr Verantwortung in der moralischen und ethischen Erziehung der Kinder von Eltern, Kirchen, Schulen und anderen, meist sozialen Einrichtungen, auf Vollstreckungsorgane übertragen wurde. Dies zeigt die Notwendigkeit (und Beliebtheit) von Programmen wie "Polizei in der Schule" und Einrichtungen wie Jugendzentren sowohl in Australien als auch anderswo. Natürlich sind die Initiativen der Polizei lobenswert, andererseits sind solche Programme mittlerweile notwendig geworden, da sich die Gesellschaft schwertut, selbst die Initiative zu ergreifen. zum anderen wird verantwortungsbewußten Eltern nicht damit geholfen, wenn Subventionen für öffentliche Einrichtungen wie Büchereien und Schwimmbäder gestrichen werden. Kinder, die nicht in der Lage sind, für die Benutzung Öffentlicher Einrichtungen zu zahlen, vertreiben sich ihre freie Zeit folglich in und um Einkaufszentren. Und immer noch werden Unmengen von Steuergeldern zur Beseitigung von Graffiti und anderen Formen des Vandalismus ausgegeben statt davon öffentliche Einrichtungen zu unterhalten.

Viele Jugendliche sind aufgrund der Widersprüche, denen sie täglich ausgesetzt werden, nicht mehr in Lage, die Grenzen guten Benehmens zu erkennen. Hierzu gehören beispielsweise Konfrontationen mit Geschwindigkeitsbegrenzungen, die nur von wenigen Erwachsenen beachtet werden; Angestellte, die ihren privaten Büroartikelbedarf aus dem entsprechenden Schrank am Arbeitsplatz decken; Raucher, die einen weggeworfenen Zigarettenstummel nicht als Abfall und potentielle Brandgefahr betrachten; rohe Gewalt, die beklatscht und von Sportredakteuren und Filmproduzenten noch in die Wohnzimmer übertragen wird, usw. In den letzten Jahren wurde zunehmend der pädagogische Einfluß der Medien zur Unterstützung der öffentlichen Interessen genutzt (z.B. Kampagnen gegen Trunkenheit am Steuer und Umweltverschmutzung) und vielleicht kann der Wirkungskreis der Medien in dieser Hinsicht noch um einiges erweitert werden.

Für das Problem der Kriminalität gibt es nicht nur eine einzige "optimale Lösung". Wirkungsvolle Maßnahmen müssen auf die Verhütung ausgerichtet sein und sollten sowohl situationsbedingte Verbrechensverhütung als auch entsprechende ab*schreckende Beispiele beinhalten. Diese Maßnahmen sollten sorgfältig ausgearbeitet werden, damit nicht nur die gegenwärtige Situation Berücksichtigung findet sondern auch künftig zu erwartende Entwicklungen mit einbezogen werden können. Die benötigten Mittel zur Einrichtung und Weiterentwicklung solcher Programme sind vergleichsweise gering und die besten und neuesten ihrer Art machen sich bereits bestehende und häufig nur ungenügend ausgewertete öffentliche Quellen und Dienstleistungen zunutze.

Abbildunq 3: Die Kriminalität beeinflussende Faktoren

 

Sozio- demographische Faktoren

 

Reaktionen der Öffentlichkeit, Medien und Regierungen

Gesellschaftliche Veränderungen

VERBESSERTER INFORMATIONSFLUSS

- strategische Planung von  Aktivmaßnahmen,

- Verfügbarkeit detaillierter Informationen bei der Entscheidung über Verfahrensweisen,

- Verwerfen von Theorien, die auf falschen Informationen beruhen

SITUATIONSBEDINGTE MASSNAHMEN ZUR VERBRECHENSVERHÜTUNG

- bessere Sicherung von Eigentum,

- besserer Kreditkartenschutz,

- besserer Schutz von Computern und Geldautomaten,

- bessere Straßenbeleuchtung in Städten,

- bessere Städteplanung, z.B. gemischte Infrastruktur,

- bessere Sicherung der in den Geschäften angebotenen Waren

 

Entwicklung der Kriminalität

INDIVIDUELLE ABSCHRECKUNG

- soziale Einrichtungen für Jugendliche, z.B. Jugendzentren, Arbeitsprogramme, Sport- und Freizeitvereine, etc.

- Änderung der öffentlichen Einstellung zu sogenannten Kavaliersdelikten wie beispielsweise Trunkenheit am Steuer und Umweltdelikten.

 

Schlußfolgerung

Die Betrachtung des Problems aus diesem Blickwinkel sollte keinen zu der Annahme verleiten, daß die derzeit steigende Kriminalität keinen Grund zur Besorgnis bietet. Ziel ist vielmehr ein sorgfältiges Abwägen der vielschichtigen Gründe, die solche Tendenzen verursachen (und welche Bedeutung sie für die Zukunft haben), um effektivere Maßnahmen einzuleiten, aber vor allem um sinnvolle Alternativen in der Verbrechensverhütung - zu schaffen. So könnte das ohnehin schon stark gebeutelte Budget der Justiz vielleicht zielgerechter eingesetzt werden.

[1] ACT (Australian Capital Territory) - Hoheitsgebiet der Hauptstadt Australiens

[2] Ureinwohner Australiens

 

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Last modified: 05/13/08